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Kiel um 1820
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Kiel um 1820 - Ein Reisebericht von J. Taillefas (4)


1. Düsternbrook | 2. Alt-, Vorstadt | 3. Schloss(garten) | 4. Uni | 5. Ostufer | 6. Umschlag | 7. Hafen

Universität
Das Universitäts-Gebäude, seitwärts vor dem Schlosse (Anm.: 1820 noch in der Kattenstraße, die von der Burgstraße zum Hafen führte), enthält zwey Auditorien, das Museum, die Anatomie und den Konsistoriensaal. Das Museum hat durch einige bedeutende Schenckungen sehr gewonnen. Die Anatomie besitzt viele geschickte Präparate. Dem Mangel eines Catalogs dieser Sammlung ist kürzlich durch einen jungen Doctor Seidel, der sie statt der Dissertation anfertigte, abgeholfen.

Die Zahl der Studirenden beträgt nicht leicht über 200, gewöhnlich nur 150, unter denen wenige Ausländer sind. Es herrscht ein sehr gebildeter Ton unter ihnen, und ein lobenswerthes, gegenseitig gutes Verhältniß zwischen den Studirenden, den Bürgern, und dem in Kiel in Garnison liegenden Militair.

Die Aufzüge der Studirenden sind geschmackvoll; ihre Uniform ist blau und weiß, mit goldner Stickerey. Ihre Hüte und Mützen ziert eine lillaweiße Kokarde, die ihnen die Kaiserin Catharina von Rußland, ruhmvollen Andenkens, für das, durch Misbrauch aufgehobene Recht, Degen für gewöhnlich an der Seite zu tragen, verliehen haben soll.

Bey besonders festlichen Gelegenheiten, vorzüglich, wenn sie zu Ehren des Königs oder der Universität angestellt werden, dürfen sie, nach einem alten Vorrechte, während sieben Tagen das königliche Feldzeichen tragen. Die Anführer erlangen für die kurze Zeit eine, den Generalen im Militair zuständige Ehrenbezeugung.

Die Feier der Neujahrsnacht soll auf jeden, Gefühlvollen einen tiefen Eindruck machen. Kurz vor Mitternacht versammeln sich die Studirenden im feierlichen Aufzuge auf dem Markte - die Fackeln schließen den Kreis - in die Mitte tritt ein auserlesenes, geübtes Sänger-Chor. So wie der letzte Schlag verhallt ist, beginnt, von zwey Musik-Chören begleitet, das schöne Lied von Voß: "Des Jahres letzte Stunde usw." Die Menschenmenge, die sich zahllos eingefunden hat, verstummt. Dieser Gesang beym Scheiden des Jahrs, einem schon an sich feierlichen Augenblicke, ergreift das Gemüth wunderbar. [...]

Nach Beendigung des Liedes beginnen die Vivats. [...] Alsdann beginnen die Umzüge auf den Straßen; vor den Wohnungen der beliebten Professoren wird ein Hoch ausgebracht und die Chapeaux d'Honneur bringen ihre Wünsche, im Namen der Studirenden für die 365 Tage den geliebten Lehrern dar. Mehrere der Professoren halten bei dieser Gelegenheit kurze, kräftige Reden. [...]

Die Anzahl der Professoren ist beträchtlich; mehrere berühmte Gelehrte Deutschland's, ein Thibaut, Feuerbach, Weber usw. haben hier gelehrt [...] Mehrere Stipendia sind für arme Studirende. Theilnehmer am Convict können sie nur durch ein rühmlich bestand'nes Examen werden.

Die Collegia werden im Ganzen gut besucht, wie viele Zerstreuungen auch der Ort zu jeder Jahreszeit darbietet. Darunter gehören besonders die vielen Vogelschießen. Das Schießen der großen Schützen-Gilde (Anm.: Die Große Grüne Schützengilde veranstaltete ihre Schießen im jetzigen Schützenpark) ist sehr alt; eine Schützen-Rolle vom Jahre 1412 nennt es schon eine alte Gewohnheit. Allein zu diesen gesellen sich so viele neue, öffentliche und private, daß kein Sommermonat ohne einige Vogel-, Hirsch- oder Scheiben-Schießen hingeht.


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