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Kurze Geschichte der Stadt KielII. 1867 - 2003Aufschwung durch die Marine Die Werftangehörigen brauchten und bekamen Wohnungen auf dem Ostufer, während die Marineangehörigen, Beamten und Kleinbürger das Westufer bevorzugten. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich von 1855 bis 1905 auf 160.000 und stieg bis 1914 auf 240.000. Dieser ungeheure Bevölkerungszuwachs ist zum Teil auf Eingemeindungen zurück zu führen (Brunswik 1869, Wik 1893, Gaarden-Süd 1901, Projensdorf 1909, Gaarden-Ost, Ellerbek, Wellingdorf, Hassee und Hasseldieksdamm 1910), hauptsächlich aber eine Folge der Marineansiedlung und des Werftenbooms. 1914 wohnten in Kiel 32.000 Militärangehörige und 33.000 Werftmitarbeiter. Rechnet man jeweils noch 2-3 Angehörige hinzu, so heißt das, dass mindestens zwei Drittel aller Kieler ihr Einkommen direkt von der Marine oder vom Schiffbau bezogen. Der Kaiser-Wilhelm- bzw. Nordostseekanal Kiel versprach sich vom Kanal eine Belebung für den Hafenumschlag, was sich aber weitgehend als Fehlkalkulation erwies. Fernhandelsschiffe hatten schon immer Lübeck bevorzugt, weil es die besseren Verbindungen zum Weitertransport über Land besaß (daran hatte auch die schon 1844 eingerichtete Eisenbahnlinie von Kiel nach Altona nichts geändert). Und so bleib es auch, denn durch den Kanal gab es nun erst recht keinen Grund, die Ladung in Kiel zu löschen. Die Zahl der Kiel anlaufenden Schiffe ging sogar zurück, denn der Konkurrent Hamburg hatte jetzt quasi einen Ostseehafen. Ein Handelshafen am oder gar im Kanal, der vom Reeder Sartori vehement gefordert wurde, hätte Kiel vielleicht Vorteile gebracht. Das Projekt wurde aber von der Stadtverordnetenversammlung zweimal abgelehnt, und als die Stadt einige Jahre später doch den Wiker Hafen zum Handelshafen ausbauen wollte, hatte die Marine diesen schon 'konfisziert'. Die Kieler Woche Matrosenaufstand und Novemberrevolution 1918 Auf mehreren Versammlungen von Marinesoldaten und Schiffsbesatzungen wurde die Freilassung der Inhaftierten gefordert. Schließlich setzte sich am 3. November ein Zug von etwa 3.000 Demonstranten in Bewegung, um die Gefangenen zu befreien. An der Ecke Brunswiker Straße / Karlstraße kam es zu Kampfhandlungen, bei denen es 8 Tote und 29 Verwundete gab, darunter auch Frauen und Kinder. Am 4. November bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, dem in den folgenden Tagen viele andere folgten, z.B. in München. Auf dem Kieler Rathaus wurde die rote Flagge gehisst. Nachdem der Kaiser abgedankt und Scheidemann in Berlin am 9. November die Republik ausgerufen hatte, hielten sich die Räte nicht mehr lange. Folgen des I. Weltkriegs Es wurden also weniger Werftarbeiter benötigt, und die Zahl der Marineangehörigen in Kiel schrumpfte. 1920 hatte die Stadt nur noch 207.000 Einwohner, Zuwanderung fand nicht mehr statt. Nur durch Eingemeindungen (Holtenau, Friedrichsort und Pries 1922, Kronsburg 1923, Neumühlen-Dietrichsdorf 1924) konnte die Einwohnerzahl leicht auf 216.000 gesteigert werden. Die Werften hielten sich u.a. mit dem Bau von Fischdampfern und Eisenbahntriebwagen relativ gut über Wasser, und auch der Handelsumschlag im Kieler Hafen steigerte sich bis 1929 jährlich. Der 1927 einsetzende Aufschwung wurde aber durch die Weltwirtschaftskrise schnell wieder zunichte gemacht, und im Dezember 1932 gab es in Kiel 34.562 Arbeitslose. Kiel vor dem II. Weltkrieg Die Kieler Wirtschaft richtete sich komplett auf die Rüstung aus. Der zivile Hafenverkehr stagnierte, der Freihafen in der Wik (heute Scheerhafen) musste wieder an die Marine abgetreten werden, der noch unvollendete Voßbrooker Hafen ging an die Luftwaffe. Howaldt baute U-Boote und wurde 1937 von den staatlichen Deutschen Werken übernommen. Außerhalb des Rüstungssektors gab es in Kiel keinen Industriebetrieb, der überregionale Bedeutung hatte. Die Olympischen Spiele Zum Vergleich: An den Olympischen Segelwettbewerben 1972 nahmen Sportler aus 42 Nationen teil, es wurde ein neuer Hafen mitsamt Olympischem Dorf in Kiel-Schilksee gebaut ('Dorf' ist geschmeichelt, Betonbettenburgen trifft es besser), und Kiel bekam Autobahnanschluss. Der II. Weltkrieg Die Stadt wurde am 7. Mai 1945 kampflos den Briten übergeben. Die Einwohnerzahl betrug Ende 1945 nur noch 157.000, inklusive der 8.500 Heimatvertriebenen, die in Auffanglagern untergebracht waren. Neben den Trümmern prägten Notunterkünfte aus Wellblech und Holzresten das Stadtbild, die zum Teil, z.B. auf dem Prof. Peters-Platz, bis in die frühen 50er Jahre genutzt wurden. Nachkriegszeit und Wiederaufbau Ab Ende der 50er Jahre kam das 'Wirtschaftswunder' auch nach Kiel. Es manifestierte sich u.a. im Umbau der Holstenstraße zur ersten Fußgängerzone Deutschlands (1959), der Eröffnung des Oslokais 1961 und dem Wiederauf- bzw. Neubau des Schlosses, der im selben Jahr begonnen wurde. Die Einwohnerzahl stieg Mitte der 60er Jahre wieder auf 260.000, was vermehrten Wohnungsbau erforderte. Im 1963 eingemeindeten Mettenhof, bis dahin ein Gutshof, entstand eine Trabantenstadt mit 5.000 Wohnungen, die im Volksmund 'Manhattanhof' genannt wird. Beim Wiederaufbau wurde insgesamt mehr Wert auf Funktionalität als auf Historie gelegt. An die Rekonstruktion zerstörter Gebäude verschwendete man kaum einen Gedanken, sondern baute lieber neu, in den späten 60er und in den 70er Jahren vorzugsweise in grauem Beton. Die Straßenführung wurde zukünftigen Verkehrserfordernissen angepasst (so weit man diese voraussehen konnte). Lauschige Winkel und romantische Gassen sucht man daher in der Innenstadt vergeblich. Kiel heute Eine blühende Stadt? Eher nein. Blüten treiben derzeit nur die Blumen im Neuen Botanischen Garten und die Diätenträume der Landtagsabgeordneten im brandneuen Plenarsaal, der Kieler Wirtschaft geht es dagegen schlecht. 2004 baut Howaldt 750 Arbeitsplätze ab, Heidelberger Druck verlegt ein Werk mit fast 700 Mitarbeitern in die USA, comdirect hat seine Zweigstelle mit 250 Mitarbeitern schon 2002 geschlossen. Dass der Bootshafen endlich saniert und zu einem schmucken Treffpunkt ausgebaut wurde, wird die Betroffenen und die restlichen 230.000 Einwohner kaum trösten können. |