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Kieler Geschichte

Kurze Geschichte der Stadt Kiel

II. 1867 - 2003

Aufschwung durch die Marine
Bereits 1865 wurde die preußische Flottenstation von Danzig nach Kiel verlegt, und 1871 wurde Kiel Reichskriegshafen. Das hatte für die Provinz-Kleinstadt, die 1855 nur wenig mehr als 16.000 Einwohner hatte, einen beispiellosen Aufschwung zur Folge. Auf dem Ostufer wurden Werften gegründet (Germania, Kaiserliche, Howaldt), die sich bald von der Hörn bis über die Schwentine ausbreiteten.

Die Werftangehörigen brauchten und bekamen Wohnungen auf dem Ostufer, während die Marineangehörigen, Beamten und Kleinbürger das Westufer bevorzugten. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich von 1855 bis 1905 auf 160.000 und stieg bis 1914 auf 240.000. Dieser ungeheure Bevölkerungszuwachs ist zum Teil auf Eingemeindungen zurück zu führen (Brunswik 1869, Wik 1893, Gaarden-Süd 1901, Projensdorf 1909, Gaarden-Ost, Ellerbek, Wellingdorf, Hassee und Hasseldieksdamm 1910), hauptsächlich aber eine Folge der Marineansiedlung und des Werftenbooms. 1914 wohnten in Kiel 32.000 Militärangehörige und 33.000 Werftmitarbeiter. Rechnet man jeweils noch 2-3 Angehörige hinzu, so heißt das, dass mindestens zwei Drittel aller Kieler ihr Einkommen direkt von der Marine oder vom Schiffbau bezogen.

Der Kaiser-Wilhelm- bzw. Nordostseekanal
Schon im Mittelalter gab es mehrfach Pläne, einen schiffbaren Kanal durch Dänemark oder Norddeutschland zu bauen. Der 1784 fertig gestellte Eiderkanal war keine befriedigende Lösung, weil er nur kleine Schiffe aufnehmen konnte, die nicht hochseetauglich waren, so dass die beförderten Waren mehrfach umgeladen werden mussten. Dem sollte der 1887 begonnene Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals von Holtenau nach Brunsbüttelkoog abhelfen, obwohl er vorwiegend aus militärstrategischen Gründen zu Stande kam. 1895 wurde der Kanal vom Namensgeber selbst eingeweiht.

Kiel versprach sich vom Kanal eine Belebung für den Hafenumschlag, was sich aber weitgehend als Fehlkalkulation erwies. Fernhandelsschiffe hatten schon immer Lübeck bevorzugt, weil es die besseren Verbindungen zum Weitertransport über Land besaß (daran hatte auch die schon 1844 eingerichtete Eisenbahnlinie von Kiel nach Altona nichts geändert). Und so bleib es auch, denn durch den Kanal gab es nun erst recht keinen Grund, die Ladung in Kiel zu löschen. Die Zahl der Kiel anlaufenden Schiffe ging sogar zurück, denn der Konkurrent Hamburg hatte jetzt quasi einen Ostseehafen.

Ein Handelshafen am oder gar im Kanal, der vom Reeder Sartori vehement gefordert wurde, hätte Kiel vielleicht Vorteile gebracht. Das Projekt wurde aber von der Stadtverordnetenversammlung zweimal abgelehnt, und als die Stadt einige Jahre später doch den Wiker Hafen zum Handelshafen ausbauen wollte, hatte die Marine diesen schon 'konfisziert'.

Die Kieler Woche
1882 fand die erste Kieler Woche statt. Kaiser Wilhelm war ein begeisterter Segler, nahm mit seiner Yacht regelmäßig an den Regatten teil und lud dazu Persönlichkeiten von Rang ein, die dann im Kruppschen Logierhaus residierten. Anfänglich eine eher elitäre Veranstaltung für Hochgestellte, entwickelte sich die Kieler Woche immer mehr zu einem weltweit bedeutenden Segelereignis und schließlich zu einem Volksfest, zu dem die Segelwettbewerbe den Vorwand liefern. Es hat Dimensionen angenommen, die nur noch mit dem Münchener Oktoberfest zu vergleichen sind. Allein am Eröffnungsabend, dem 'Holstenbummel', drängen sich 500.000 Menschen in der Innenstadt und am Hindenburgufer, was stellenweise Einbahnstraßenregelungen für die Fußgänger erforderlich macht.

Matrosenaufstand und Novemberrevolution 1918
Am 28.10.1918, der I. Weltkrieg war längst verloren, sollte das III.Geschwader von Wilhelmshaven aus in See stechen. Unter den Mannschaften herrschte die Ansicht, man solle sinnlos in den Tod geschickt werden. Deshalb rissen die Heizer das Feuer aus den Kesseln und verhinderten das Auslaufen. 60 dieser 'Meuterer' wurden verhaftet und, nach dem Einlaufen des Geschwaders in Kiel am 31. Oktober, in der Militär-Arrestanstalt in der Karlstraße (=Feldstraße) inhaftiert.

Auf mehreren Versammlungen von Marinesoldaten und Schiffsbesatzungen wurde die Freilassung der Inhaftierten gefordert. Schließlich setzte sich am 3. November ein Zug von etwa 3.000 Demonstranten in Bewegung, um die Gefangenen zu befreien. An der Ecke Brunswiker Straße / Karlstraße kam es zu Kampfhandlungen, bei denen es 8 Tote und 29 Verwundete gab, darunter auch Frauen und Kinder. Am 4. November bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, dem in den folgenden Tagen viele andere folgten, z.B. in München. Auf dem Kieler Rathaus wurde die rote Flagge gehisst. Nachdem der Kaiser abgedankt und Scheidemann in Berlin am 9. November die Republik ausgerufen hatte, hielten sich die Räte nicht mehr lange.

Folgen des I. Weltkriegs
Kiel blieb von direkten Kampfhandlungen verschont, da sich feindliche Schiffe nicht in die enge Kieler Bucht trauten und Flugzeuge noch nicht genügend Reichweite hatten. Dennoch waren die Kriegsfolgen erheblich. Zwar blieb Kiel Reichskriegshafen, der Versailler Vertrag ließ der deutschen Flotte aber nur sechs alte Linienschiffe, einige kleine Kreuzer und maximal 15.000 Marinesoldaten. Die Haupteinnahmequelle der Werften, der Marineschiffbau, versiegte völlig. Erst ab 1928 erteilte die Kriegsmarine wieder Aufträge zum Schiffsneubau.

Es wurden also weniger Werftarbeiter benötigt, und die Zahl der Marineangehörigen in Kiel schrumpfte. 1920 hatte die Stadt nur noch 207.000 Einwohner, Zuwanderung fand nicht mehr statt. Nur durch Eingemeindungen (Holtenau, Friedrichsort und Pries 1922, Kronsburg 1923, Neumühlen-Dietrichsdorf 1924) konnte die Einwohnerzahl leicht auf 216.000 gesteigert werden. Die Werften hielten sich u.a. mit dem Bau von Fischdampfern und Eisenbahntriebwagen relativ gut über Wasser, und auch der Handelsumschlag im Kieler Hafen steigerte sich bis 1929 jährlich. Der 1927 einsetzende Aufschwung wurde aber durch die Weltwirtschaftskrise schnell wieder zunichte gemacht, und im Dezember 1932 gab es in Kiel 34.562 Arbeitslose.

Kiel vor dem II. Weltkrieg
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Kiel ebenso schnell "gleichgeschaltet" wie andere Städte. Es setzte eine beispiellose Aufrüstung ein, die zu einer Erweiterung der Werftkapazitäten und zu vielen Neubauten im militärischen, industriellen und zivilen Bereich führte. 1939 hatte Kiel, inklusive der in diesem Jahr erfolgten Eingemeindung von Elmschenhagen, 274.000 Einwohner - ein Zuwachs von fast 60.000 in 16 Jahren. Bis 1942 kamen noch einmal 32.000 hinzu.

Die Kieler Wirtschaft richtete sich komplett auf die Rüstung aus. Der zivile Hafenverkehr stagnierte, der Freihafen in der Wik (heute Scheerhafen) musste wieder an die Marine abgetreten werden, der noch unvollendete Voßbrooker Hafen ging an die Luftwaffe. Howaldt baute U-Boote und wurde 1937 von den staatlichen Deutschen Werken übernommen. Außerhalb des Rüstungssektors gab es in Kiel keinen Industriebetrieb, der überregionale Bedeutung hatte.

Die Olympischen Spiele
1936 fanden die Olympischen Segelwettbewerbe erstmals in Kiel statt. Der Olympiahafen für die Segler aus 25 Nationen war der heutige Sportboothafen Düsternbrook (in Höhe des Yachtclub-Gebäudes) und die Segler wohnten im Olympia-Heim (an der Stelle des Welt-Club-Hauses). Aus Anlass der Spiele wurden das Hindenburgufer verlängert und das Hafengebiet verschönt.

Zum Vergleich: An den Olympischen Segelwettbewerben 1972 nahmen Sportler aus 42 Nationen teil, es wurde ein neuer Hafen mitsamt Olympischem Dorf in Kiel-Schilksee gebaut ('Dorf' ist geschmeichelt, Betonbettenburgen trifft es besser), und Kiel bekam Autobahnanschluss.

Der II. Weltkrieg
Diesmal zahlte Kiel als Reichskriegshafen und Rüstungshochburg einen hohen Preis. Ab Juli 1940 wurde die Stadt von insgesamt 90 Luftangriffen heimgesucht, die 2.600 Todesopfer forderten. 80% der Werftanlagen waren gegen Kriegsende total zerstört, ebenso 35% aller Wohnhäuser und 33% der übrigen Gebäude. Weitere 40% der Wohnhäuser und 48% der übrigen Gebäude wiesen schwere Schäden auf. Die Kanalisation funktionierte nicht mehr, Strom-, Gas- und Wasserversorgung waren lückenhaft.

Die Stadt wurde am 7. Mai 1945 kampflos den Briten übergeben. Die Einwohnerzahl betrug Ende 1945 nur noch 157.000, inklusive der 8.500 Heimatvertriebenen, die in Auffanglagern untergebracht waren. Neben den Trümmern prägten Notunterkünfte aus Wellblech und Holzresten das Stadtbild, die zum Teil, z.B. auf dem Prof. Peters-Platz, bis in die frühen 50er Jahre genutzt wurden.

Nachkriegszeit und Wiederaufbau
Die Wiederbelebung der Wirtschaft und die Wiederherstellung 'normaler' Lebensverhältnisse gestaltete sich schwierig. Die Militärregierung untersagte bis 1950 jegliche Nutzung der brachliegenden Werftgelände, lediglich kleine Reparaturaufträge konnten übernommen werden. Nachdem bereits 1946 der Howaldtsche U-Boot-Bunker 'Kilian' gesprengt worden war, folgten weitere Sprengungen von Werftanlagen zwischen 1949 und 1950. Erst danach konnte wieder Schiffbau betrieben werden, was dann nach und nach auch zur Ansiedlung von Zulieferbetrieben führte.

Ab Ende der 50er Jahre kam das 'Wirtschaftswunder' auch nach Kiel. Es manifestierte sich u.a. im Umbau der Holstenstraße zur ersten Fußgängerzone Deutschlands (1959), der Eröffnung des Oslokais 1961 und dem Wiederauf- bzw. Neubau des Schlosses, der im selben Jahr begonnen wurde. Die Einwohnerzahl stieg Mitte der 60er Jahre wieder auf 260.000, was vermehrten Wohnungsbau erforderte. Im 1963 eingemeindeten Mettenhof, bis dahin ein Gutshof, entstand eine Trabantenstadt mit 5.000 Wohnungen, die im Volksmund 'Manhattanhof' genannt wird.

Beim Wiederaufbau wurde insgesamt mehr Wert auf Funktionalität als auf Historie gelegt. An die Rekonstruktion zerstörter Gebäude verschwendete man kaum einen Gedanken, sondern baute lieber neu, in den späten 60er und in den 70er Jahren vorzugsweise in grauem Beton. Die Straßenführung wurde zukünftigen Verkehrserfordernissen angepasst (so weit man diese voraussehen konnte). Lauschige Winkel und romantische Gassen sucht man daher in der Innenstadt vergeblich.

Kiel heute
Eine schöne Stadt? Nicht unbedingt. In der Innenstadt prägen die Bausünden der 60er, 70er (ZOB, Holstenstraße, Alter Markt), 90er Jahre (Cap) und aus diesem Jahrtausend (der halb vollendete Schmid-Turm) das Stadtbild. Dem stehen nur wenige Highlights wie der 'Multimedia-Campus' am Hörnende oder die umgebaute Ostseehalle gegenüber. Weitere Scheusslichkeiten sind in Planung (Hotel an der Ostseehalle u.a.). Drumherum gibt es aber auch viele schöne Ecken, z.B. am Südfriedhof, rund um den Blücherplatz und den Schrevenpark, in Düsternbrook und selbst im etwas herunter gekommenen Gaarden. Und das Umland ist eh wunderschön.

Eine blühende Stadt? Eher nein. Blüten treiben derzeit nur die Blumen im Neuen Botanischen Garten und die Diätenträume der Landtagsabgeordneten im brandneuen Plenarsaal, der Kieler Wirtschaft geht es dagegen schlecht. 2004 baut Howaldt 750 Arbeitsplätze ab, Heidelberger Druck verlegt ein Werk mit fast 700 Mitarbeitern in die USA, comdirect hat seine Zweigstelle mit 250 Mitarbeitern schon 2002 geschlossen. Dass der Bootshafen endlich saniert und zu einem schmucken Treffpunkt ausgebaut wurde, wird die Betroffenen und die restlichen 230.000 Einwohner kaum trösten können.

1. Teil: 1242 - 1867

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